MICHAELA OERTLI · PRAXIS & ENTWICKLUNG
KI-generiertes Themenbild
Du musst nicht zuerst wissen, wie Deine ganze Zukunft aussieht. Manchmal reicht es, herauszufinden, ob der nächste kleine Schritt zu Dir passt. Genau darum geht es für mich beim Prototyp-Prinzip: ausprobieren, erleben, anpassen – und erst dann weiterentscheiden.
Eine eigene Coachingpraxis, ein neues Angebot oder ein anderer beruflicher Weg: Schnell fühlt es sich an, als müssten wir uns zwischen ganz oder gar nicht entscheiden. Entweder ich mache mich selbstständig oder ich lasse es bleiben. Entweder mein Angebot ist fertig oder ich darf noch nicht damit nach draussen.
Ich finde diese beiden Möglichkeiten zu eng. Dazwischen liegt ein wertvoller Raum: ein überschaubarer Versuch. Ein Prototyp ist eine erste, bewusst einfache Version Deiner Idee. Sie soll Dir eine Erfahrung ermöglichen, auf deren Grundlage Du weiterdenken kannst.
Der kleinste Schritt ist nicht einfach die angenehmste Aufgabe auf Deiner Liste. Noch eine Schriftart auszusuchen ist klein – aber es zeigt Dir wenig darüber, ob Deine Begleitung gebraucht wird. Eine konkrete Einladung an einen Menschen aus Deiner Zielgruppe kann viel mehr klären.
Frage Dich: Welche Unsicherheit möchte ich als Nächstes überprüfen? Ob ich gern mit dieser Zielgruppe arbeite? Ob mein Angebot verständlich ist? Ob die gewählte Dauer passt? Suche dann einen Versuch, der genau dazu eine Rückmeldung ermöglicht.
Statt sofort ein mehrmonatiges Programm zu entwickeln, erprobst Du einen klar begrenzten Termin zu einer konkreten Frage. Du beschreibst, für wen der Termin gedacht ist, was darin möglich ist und wo die Grenzen liegen. Du vereinbarst transparent Dauer, Rahmen und allfällige Kosten.
Zum Beispiel: ein einzelner Termin, in dem eine Person ihre nächsten beruflichen Schritte sortiert. Danach fragst Du: Was war hilfreich? Was blieb unklar? Was hätte gefehlt? Arbeite dabei innerhalb Deiner Qualifikation und mache deutlich, dass Du ein neues Format erprobst. Ein kleiner Versuch verdient dieselbe Sorgfalt wie ein etabliertes Angebot.
Plane die Auswertung gleich mit ein. Was hast Du beobachtet? Was hat die andere Person tatsächlich zurückgemeldet? Und was deutest Du selbst hinein? Halte diese drei Dinge auseinander.
Ein einzelner Termin beweist noch nicht, dass ein Angebot dauerhaft trägt. Aber er kann Dir zeigen, welche Frage Du als Nächstes prüfen möchtest.
Vielleicht merkst Du: Diese Zielgruppe liegt mir weniger als gedacht. Oder der Inhalt begeistert mich, aber das gewählte Format erschöpft mich. Das ist eine nützliche Erkenntnis. Du hast sie gewonnen, bevor Du viel Zeit und Geld gebunden hast.
Du musst nicht an einer Idee festhalten, nur weil Du sie einmal ausgesprochen hast. Du darfst sie verändern, pausieren oder verwerfen. Auch das ist eine Entscheidung auf Grundlage von Erfahrung.
Kleine Schritte sind für mich keine Garantie für Erfolg. Sie machen Lernen jedoch überschaubarer. Wenn Du regelmässig ausprobierst, Rückmeldungen ernst nimmst und bewusst nachjustierst, entwickelt sich Dein Angebot mit Deiner Erfahrung.
Schreibe Dir für diese Woche drei Sätze auf: Das möchte ich herausfinden. Diesen kleinen Versuch mache ich dafür. An diesem Tag schaue ich, was ich gelernt habe. Mehr muss der nächste Schritt vielleicht noch nicht sein.
Wie Du Deine Praxis aufbauen kannst, ohne gleich alles auf eine Karte zu setzen, liest Du im Beitrag zum Cappuccino-Prinzip.