MICHAELA OERTLI · AUSBILDUNG & BERUFSPRAXIS

Das Zertifikat ist da. Wo bleiben die Kunden?

Ein leerer Beratungsstuhl vor einer nachdenklichen Coachin am Schreibtisch – KI-generiertes Themenbild.

KI-generiertes Themenbild

Das Zertifikat ist da. Die Freude über den Abschluss auch. Du hast Methoden kennengelernt, Dich mit Dir selbst auseinandergesetzt und neue Kontakte geknüpft. Nur der nächste Schritt bleibt offen: Wie wird daraus eine tatsächliche Coachingpraxis?

Noch ein Netzwerktreffen. Noch ein Austausch unter Coaches. Vielleicht noch eine Weiterbildung, bevor Du Dich wirklich bereit fühlst. Mich beschäftigt dabei eine unbequeme Frage: Wann hilft uns die Vorbereitung weiter? Und wann hält sie uns davon ab, mit unserer Arbeit nach draussen zu gehen?

Was verkauft eine Coachingausbildung?

Eine fundierte Ausbildung kann Wissen vermitteln, praktische Fähigkeiten entwickeln und einen begleiteten Lernraum schaffen. Ein Zertifikat kann diese Lernleistung dokumentieren. Es ist jedoch kein Auftragsversprechen.

Kritisch wird es für mich dort, wo aus der Aussicht auf persönliche Entwicklung fast beiläufig die Aussicht auf eine erfolgreiche Selbstständigkeit wird. Eine Methode zu lernen, Menschen verantwortungsvoll zu begleiten und ein wirtschaftlich tragfähiges Angebot aufzubauen sind unterschiedliche Aufgaben. Eine Ausbildung sollte offenlegen, welche davon sie tatsächlich abdeckt.

Auch ein gut gefüllter Ausbildungskurs beantwortet diese Frage noch nicht. Er zeigt zunächst, dass Menschen diese Ausbildung buchen. Ob deren späteres Angebot eine passende Kundschaft findet, muss sich erst zeigen.

Liegt es am Markt?

Der Markt spielt eine Rolle. Welche Menschen brauchen Dein Angebot? Können und wollen sie dafür bezahlen? Wie viele ähnliche Angebote gibt es? Und warum sollten sie gerade Dir vertrauen?

Die Global Coaching Study 2025 der International Coaching Federation beschreibt eine weltweit wachsende Coachingbranche und zunehmenden Wettbewerb. Daraus lässt sich weder eine Auftragsgarantie für eine einzelne Praxis noch eine Erklärung für jeden schwierigen Start ableiten. Ein globales Branchenbild beantwortet keine lokale Nachfragefrage.

Es wäre deshalb zu einfach, jeden stockenden Aufbau mit fehlendem Einsatz zu erklären. Zeit, finanzielle Möglichkeiten, familiäre Verpflichtungen und der Zugang zur passenden Kundschaft beeinflussen den Weg ebenfalls. Gleichzeitig lohnt sich die ehrliche Frage, was wir innerhalb unseres eigenen Spielraums tatsächlich tun.

Wenn Netzwerken zur Warteschleife wird

Austausch ist wertvoll. Kolleginnen und Kollegen können fachliche Rückmeldung geben, Kooperationen ermöglichen und weiterempfehlen. Aber der Austausch unter Coaches ersetzt noch kein Gespräch mit den Menschen, für die Dein Angebot gedacht ist.

Wenn Du nach jedem Treffen neue Ideen mitnimmst, Dein Angebot aber weiterhin unklar bleibt, darfst Du genauer hinschauen. Bist Du gerade dabei, etwas zu entwickeln? Oder sammelst Du Zustimmung, ohne Deine Arbeit einer echten Rückmeldung auszusetzen?

Ein hilfreicher Massstab ist für mich: Was hat sich durch dieses Netzwerken konkret bewegt? Ist ein fachlicher Lernschritt entstanden, eine Zusammenarbeit oder ein Gespräch mit einer möglichen Auftraggeberin? Es muss nicht sofort ein Auftrag sein. Doch ein nächster Schritt sollte erkennbar werden.

Sich reinknien braucht eine Richtung

Viel beschäftigt zu sein kann sich nach Fortschritt anfühlen. Websitefarben, Logos, neue Methoden und weitere Zertifikate bieten dafür reichlich Möglichkeiten. Die schwierigeren Fragen bleiben manchmal liegen: Wem möchte ich helfen? Wobei genau? Was kann ich fachlich verantworten? Und wie erfahren diese Menschen von mir?

Fokus bedeutet für mich, ein überschaubares Ziel zu wählen und das eigene Handeln daran zu prüfen. Zum Beispiel ein klar umrissenes Angebot verständlich beschreiben, mit passenden Menschen darüber sprechen, einen fachlich begleiteten Praxisschritt planen und die Rückmeldungen auswerten.

Dabei zählt auch, ein Angebot zu verändern, wenn es nicht passt. Dranbleiben heisst nicht, dieselbe Idee unabhängig von jeder Rückmeldung immer weiterzuverfolgen.

Begleitung gehört auch zur eigenen Entwicklung

Wer andere begleiten möchte, darf sich selbst Begleitung nehmen. Supervision kann helfen, fachliche Fragen und Grenzen zu klären. Mentoring kann den Transfer in die Praxis unterstützen. Für Positionierung, Kalkulation und Kundengewinnung kann eine andere, dafür qualifizierte Person sinnvoll sein.

Entscheidend ist, wofür Du Unterstützung suchst. Welche konkrete Frage möchtest Du bearbeiten? Was soll danach klarer sein? Und welchen Schritt übernimmst Du selbst? Eine weitere Begleitung sollte Dich in Deiner Arbeit weiterbringen und nicht nur das Gefühl vermitteln, wieder etwas gebucht zu haben.

Was Du vor der nächsten Ausbildung fragen kannst

  • Welche Praxis gehört dazu? Wie viel übst Du selbst, und wer gibt Dir differenzierte Rückmeldung?
  • Was geschieht nach dem Abschluss? Gibt es Begleitung beim Transfer in Deinen Alltag und Deine Arbeit?
  • Was ist ausdrücklich nicht enthalten? Etwa wirtschaftlicher Aufbau, Kundengewinnung oder eine therapeutische Qualifikation?
  • Welche Zeit und welche Mittel brauchst Du zusätzlich? Neben den Ausbildungskosten auch für Übung, Vorbereitung und den Aufbau Deines Angebots.
  • Was fehlt Dir gerade wirklich? Neues Wissen, mehr Praxiserfahrung, Klarheit über Dein Angebot oder Unterstützung bei einer konkreten Hürde?

Vom Wunsch zum überprüfbaren Schritt

Ich wünsche mir einen Ausbildungsmarkt, der den Weg nach dem Zertifikat ehrlich mitdenkt. Und Menschen, die ihre Ziele ernst nehmen, ohne ihren beruflichen Wert an einem schnellen wirtschaftlichen Erfolg zu messen.

Vielleicht ist Deine nächste Aufgabe deshalb keine neue Ausbildung. Vielleicht ist es ein Gespräch mit einer möglichen Kundin, eine sorgfältig vorbereitete Übungssequenz oder eine Supervision zu einer Frage, die Du schon länger vor Dir herschiebst.

Mein Impuls für Dich: Welchen konkreten Schritt setzt Du in den nächsten zwei Wochen um? Wessen Rückmeldung brauchst Du dafür? Und woran wirst Du erkennen, ob Du Deinem Ziel näherkommst?

Zum Weiterdenken: Vom Wissen ins Tun: ein Schritt, der wirklich passt.

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